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 Audismus bei der Erwähnung von St. Augustinus


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In der Geschichtsschreibung von der Paedagogik mit tauben Kindern wird von St. Augustinus berichtet, dass er die Meinung vertritt, taube Menschen koennen den Glauben an Gott nicht erlangen und demnach keine Sakramente empfangen, weil der Apostel Paulus im Roemer 10,17 schrieb, "Glaube kommt vom Hoeren" (Latein: Fides ex auditu).

Er hat das tatsaechlich in einer seinen fruehen Schriften geschrieben und zwar nur zweimal. St Hieronymus hat aehnliches auch geschrieben.

Ganz unbekannt jedoch ist, dass St. Augustinus auch ueber die Gebaerdensprache geschrieben hat und zwar fuenfmal. Hier sind einige Stellen:

a. Im "De quantitate animae", Paragraph 31: “Augustinus: Hast du nicht in Mailand den vornehmen jungen Mann gesehen, der so taub ist, dass er nur über Bewegungen des Körpers versteht und sich nur über diese verständlich machen kann. ... Das erinnert mich an einen Bauern, der erzählt hat, dass in einem bestimmten Landstrich nur Stumme und Taube geboren wurden; daraus, dass sie nicht redeten, konnte man erkennen, dass sie stumm waren, daraus, dass sie nur über ihre Augen Zeichen verstehen konnten, dass sie taub waren.“
”Augustinus: ... stelle dir nun vor, ein Kind von einem solchen Ehepaar würde nun nicht taub geboren - wie sollte ein solches Kind nun mit seinen Eltern sprechen? ... Evodius: Wie, wenn nicht mit Zeichensprache ...!“

b. Im "De magistro liber unus," mag.5: „Augustinus: Ja hast du denn noch nie gesehen, wie Menschen über Gesten mit den Tauben kommunizieren - gerade als würden sie sprechen - und wie nicht minder Menschen, die ihrerseits selbst taub sind, mit Gesten fragen, antworten, lehren oder hinweisen können und alles weitere, was sie ausdrücken wollen - oder doch zumindest sicherlich das meiste?“

c. Im "De magistro liber unus," mag.19: „Ich weiss nicht mehr genau, wie wir dann von da aus zum Thema der Tauben und der Schauspieler gelangt sind, die nicht nur das, was gesehen werden kann, sondern noch viel mehr, ja fast alles mit Gesten ohne Stimme ausdruecken können ...“

Also hat der Kirchenvater mehr ueber taube Menschen und GS geschrieben im Vergleich zu "Hoeren => Glaube".

Der Uebersetzer der obigen Zitaten meint sogar zu sagen, dass er in einer fruehen Schrift, wo die antike Manichäische Ansicht ueber Glueck, Uebel und Gutes besprochen wird, nur von der Erschwerung des Glaubensempfangs durch Taubheit, nicht dessen Unmoeglichkeit, spricht.

Aufsehenserregend in meiner Ansicht ist der Bericht ueber die Existenz einer GS-Gemeinschaft und die Meinung, dass die GS der Lautsprache "ebenbuertig" sei. Die frueheste Erwaehnung einer solchen Sprachgemeinschaft ueberhaupt.

Warum wurde diese fuenf Stellen in der Geschichte von tauben Menschen nicht erwaehnt, aber nur die Stelle im Roemerbrief wiedergegeben?!

Andere Beispiele der Unterschlagung von was in der Antike ueber taube Menschen und ihre Kommunikation geschrieben wurde: Aristoteles (Hoeren=>Denken) wird erwaehnt, aber nicht Sokrates (vermutliche Gesten von tauben Menschen). Bibelstelle von Moses vor dem Feuerbusch nicht zitiert, aber die Heilung eines Taubstummen von Jesus ganz fleissig im Religionsunterricht und in Predigten besprochen.

Diese Tatsachen habe ich in meinem Vortrag ueber Audismus als dessen Indizien (= Anzeichen) erwaehnt. Sie zeigen, dass man von den Diskriminierungen allein nicht reden kann. Eine "Theorie von Diskriminierung" wuerde nicht genuegen, um Phaenomena wie diese zu erfassen und mit Diskriminierungen gegen taube Menschen zusammenhaengend zu binden. (Bewusste?) Nichterwaehnung von GS in der Antike kann nur aus einer bestimmten Geisteshaltung, sprich Ideologie, kommen.


Hartmut




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