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Virtuelles Kommunikationsforum für Gebärdensprachnutzer
Aktuelle Zeit: 15.07.2018, 21:00:45





 Zitatensammlung aus der Deaf Community


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Spitzenmitglied



offline
Aloha Leutz,

wer kennt nicht die berühmten Zitate von Persönlichkeiten aus der
Deaf Community?

Ich fange hier schon mal damit an. Bitte immer zuerst Zitat-Text und
dann Namen des Autors notieren. Alles klar? :)

* * *

"Erst wenn die gesamte Menschheit erblindet,
wird die Familie der Gebärdensprachen aussterben."
--Bill Stokoe, Gebärdensprachforscher aus USA

"There is only one place for oralism: the bedroom!"
--Paddy Ladd, tauber Aktivist aus Großbritannien

"As long as we have deaf people on earth, we will have signs."
--George William Veditz, 1913

* * *

Wenn euch noch weitere markante Sprüche von tauben Persönlichkeiten
aus Deutschland, Österreich, Schweiz einfällt, bitte hier niederschreiben!


--
Wir sind die Mundfaulen. Na und? :D



Spitzenmitglied
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offline
Zwar nicht aus DL, A oder CH, aber dieser eine Satz aus einem Buch gefällt mir. :)

Solange auch nur zwei Gehörlose auf dieser Erde leben, werden sie, wenn sie einander begegnen, Gebärden benutzen.
J. SCHUYLER LONG, Direktor der Iowa School for the Deaf, "THE SIGN LANGUAGE" (1910)

Und es ist mit Sicherheit die richtige Feststellung.
Die GS-Gegner werden somit keinen Erfolg haben, die GS abzuschaffen :D


****~cat



gehörlosenfreak
gehörlosenfreak



offline
"You Have to be Deaf to Understand"
Übersetzung: "Man muss taub sein um zu verstehen."
--by Willard J. Madsen :D
(Linktipp:poem by W.J.Madsen - englisches Gedicht)

Deaf Community... [confused] Gibts nicht auch eine Bezeichnung im Deutschen? Ich hoffe ich finde oder man findet auch Zitate von deutschsprachige Persönlichkeiten.

deafmax


---
Ich bin taub, ergo bin ich.



Spitzenmitglied



offline
Blindheit trennt von Dingen, Taubheit trennt von Menschen.
(Helen Keller)


Menschen sehen Dinge wie sie sind u fragen:"Warum?"-
Ich träume von Dingen,die es nie gab und frage:"Warum nicht?"



Mitglied



offline
@pärchen
Kannst Du vielleicht den Sinn deines Satzes sagen, was Helen Keller damit sagen möchtest..

Deaflupo :D


Na... das Leben geniessen ist ja schön, oder?



Spitzenmitglied



offline
@deaflupo

verstehst du den satz von helen keller nicht?
was sie da genau meint, frag nicht mich [wink]
aber ich kann mir schon vorstellen, was sie da meint.. :D


Menschen sehen Dinge wie sie sind u fragen:"Warum?"-
Ich träume von Dingen,die es nie gab und frage:"Warum nicht?"



Mitglied



offline
Lukho
Ich versteh nicht was meinst du denn.
Zitat:
"Erst wenn die gesamte Menschheit erblindet,
wird die Familie der Gebärdensprachen aussterben."
--Bill Stokoe, Gebärdensprachforscher aus USA


Meinst du, die gehörlose Menschheit erblindet,
dürfen die Erblindeten nicht gebärden (Taktsil) ?


alte Doofefragin; jetzt neue Caravan-Lady



gehörlosenfreak
gehörlosenfreak



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@Doofefragin (Nickname [ops] ?)
Dieses Zitat meint, wenn alle Menschen blind werden, egal ob sie behindert sind oder nicht, erst dann könnte Gebärdensprache aussterben. Gebärdensprache ist ja visuelle Sprache (= Man versteht was man sieht), und wenn alle blind sind, dann kann Gebärdensprache aussterben.
Das Zitat wurde sicher als Antwort auf die Antigebärdensprachler gerichtet, die immer meinen "GL werden weniger, GS wird aussterben". Daher gute Zitat :)

@Luke, diese Thread ist klasse, denn ich werde beim Googeln im deutssprachigen Raum nicht fündig von gl Personen Zitate zu finden [confused]
Würde mich interessieren, obs noch kluge und überzeugende Zitate gibt...

deafmax


---
Ich bin taub, ergo bin ich.



Spitzenmitglied



offline
Aloha deafmax,

dieser Thread ist einer der beste Beweise, dass die Einstellung zur Taubheit
und Gebärdensprache andernorts viel positiver ist als im deutschsprachigen
Raum.

Ich bin mir dennoch sicher, von deutschsprachigen Autoren gibt es welche!
Diese werden nur nicht oft erwähnt oder sind schwerer aufzufinden... [confused]


--
Wir sind die Mundfaulen. Na und? :D



Spitzenmitglied
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offline
@deaflupo,
erstmal müsstest du wissen, daß Helen Keller selbst taubblind war,
und mit diesem Zitat meint sie anscheinend:

Blind sein, man trennt sich von dingen, die man eh nicht sieht, tun kann etc.
Taub sein, man trennt sich von menschen, weil man mit denen nicht kommunzieren kann ....

Fragt sich nur, was schlimmer war für sie, imho, denke ich, ihrer Meinung nach das Taubsein.
Sie war ja sehr lernbegierig.


****~cat



Spitzenmitglied



offline
Aloha Limette,

richtig, dieses Zitat von Helen Keller könnte man auf uns sehende
Gehörlose umschreiben:
"nicht kommunizieren können, trennt von Menschen".


--
Wir sind die Mundfaulen. Na und? :D



Spitzenmitglied



offline
"Erst wenn die gesamte Menschheit erblindet,
wird die Familie der Gebärdensprachen aussterben."
--Bill Stokoe, Gebärdensprachforscher aus USA

Dieses Zitat gefällt mir nicht, denn er hat wohl taubblinde Gebärdensprachler (taktial. GS!!!) vergessen!
Also wenn die Menschheit taubblind sind, gibt es immer noch die GS!!!


BOOOOOOOOORN TOOOOOOOOO SIGN!!!!!!!!



Mitglied



offline
@hallo Deafmax

Danke für deine Erklärung!
Nun ist mir sehr klar, wie Lukbo meint.
Achso, es sieht so aus, alle hd Menschen erblinden, sterben Gebärdensprachen ja aus.

Aber gl Menschen erblinden, starben die Gebärdensprachen nicht aus,
die brauchen unbedingt Gebärdensprachen (Taktial) u. Lormen.

hm... warum nennt meine Nickname Doofefragin (damals Anfängerin am PC) so, hatte ich keine Erfahrung mit PC. Ich war hilfslos. Deswegen musste ich viel fragen, hm... nun ist mir klar mit PC, wollte ich eigentlich Nickname Doofefragin löschen. Aber einige wissen schon (Doofefragin), was soll ich tun? Soll meine Nickname doch ändern?

@Gummikuh
Schön dass du auch an Taubblinden gedacht hast.
Einige haben nicht an sie gedacht, weil der Thema leider zu wenig Offenheit gezeigt hat.


alte Doofefragin; jetzt neue Caravan-Lady



Spitzenmitglied



offline
@Limette,
interessant, dass du eine andere Uebersetzung vom Helen Kellers beruehmten Zitat gebracht hast. Von wem ist die Uebersetzung?

Die Uebersetzung ist ein wenig unrichtig. Weder das Taubsein noch taub zu sein trennt, sondern die Taubheit. Helen Keller benutzte und meinte "blindness" und "deafness", also Blindheit und Taubheit. Taubsein bedeutet die Zusammenfassung des Lebens als taube Menschen.

Helen Kellers Zitat ist vom Standpunkt eines Hoerenden verstaendlich. Helen Keller genoss eine isolierende Erziehung und kannte die Gemeinschaft und Kultur tauber Menschen nicht. Sie hat das Zitat als Pseudohoerende verfasst. Aber vom Standpunkt einer tauben Person ist es unrichtig. Taube Menschen sind als gemeinschaftlich gesinnt und unter hoerenden GS-Lernenden als freundlich bekannt. Wenn taube Menschen wirklich isoliert (= "von Menschen getrennt") waeren, wuerde keine GS entstehen! Auch Taubblinde sind nicht isoliert. Nur WIR Sehende isolieren sie von uns! Also nicht ihre Taubblindheit, sondern unsere Einstellung und unsere Hilfslosigkeit mit ihnen. Das gleiche auch mit Taubheit durch die Einstellung vieler Hoerneden zur Taubheit, Gebaerdensprache und zum Leben in Taubsein.

Spitzfindig kann ich zu der Zitatensammlung beifuegen:

Der Oralismus trennt taube Menschen von hoerenden Menschen!

Oder genauer gesagt:

Der Oralismus verleiht tauben Menschen eine Bogusintegration (= Scheinintegration).

Ich kenne Stokoe persoenlich. Er wird Gummikuh vollkommen beistimmen, dass sein Zitat uebertrieben ist, und sagen, dass es nur an Hoerenden gerichtet ist. Etwas stimmt mit seiner Aussage: monolingual(= einsprachig)-erzogene taubblinde kommunizieren nur durch Fingeralphabet (Lormen in Deutschland) und Braille in den USA und manchmal durh Tadoma-Methode (taktiles Lippenlesen).

Aus obiger Darstellung kann ich eine Parsiflage (= ironisches Zitat) schneidern (grins):

"Ach, wir sind so isoliert durch Taubheit. Aber woher haben wir die Gebaerdensprache?"


Hartmut



Zuletzt geändert von Hartmut am 01.05.2005, 17:08:28, insgesamt 1-mal geändert.

Spitzenmitglied



offline
Von Otto Friedrich Kruse (1801-1880) kenne ich einige Zitaten:

Oralismus versucht die Taubstummennatur aus dem Taubstummen auszumerzen.

Oder

Oralismus ist ein Wurzelziehen der Taubstummennatur aus dem Taubstummen.

Geberdensprache liefert Prosa dem Geist und Poesie dem Herzen.
[Autob., S.35]

Man kann nicht oft genug wiederholen: Erhebe die Lautsprache
nicht über die Gebühr! [handschriftlicher Reisebericht, 1853]

Uneinsichtige Oralisten sind Philister, die nur von den
Prinzipien ihrer ausgesuchten Wissenschaft das Heil erwarten.
["Vermittlung...", S.19]

Über den Besuch einer oralen Schule in Vorpommern:
"Alle Zeit, alle Mühe und Anstrengung wurden darauf verwandt, den Taubstummen die Riegelthür des Mundes aufzuthun. Der eigentliche Sprachunterricht hing am Nagel."

Dann einige Zeilen unten:
"Ich legte ihnen schriftliche Fragen vor, die sie mir wieder schriftlich beantworten sollten. Die leichtesten Fragen verstanden sie, obgleich sie in der obersten Classe saßen, nicht. Indem ich Zeichen hinzufügte, gaben sie zwar Antworten, aber mit einer Zusammensetzung von Wörtern oder in einer Construction, die außer Taubstummen wohl Niemand verstände und welche gar keinen Wortsinn hatten. Sie hatten wiederkauen gelernt, was ihnen der Lehrer vorgekaut hatte." [Autob., S.98]

Die Gebärdensprache ist das wahre Rüstzeug des geistigen Lebens
des Taubstummen. ["Über Taubstumme ...", 1853, S.183]

Eine Erziehung [im reinen Oralismus], welche das Kind dem
heimathlichen Geistesleben entreisst und dafür Treibhäuser baut,
zieht auch nur Zierpflanzen auf, schwerlich aber kerngesunde
Bäume. [Autob., S.147]

Die Zeichen der Geberdensprache sind keine ersonnene, oder durch
Verabredung entstandene, nein, Alles [Bemerkung: wirklich nicht alles! HT] ist ein unmittelbarer Ausdruck der Natur und daher charakteristisch, und allgemein verständlich. Wie der Taubstumme die erhaltenen Eindrücke durch seine Sprache wiedergiebt, so mischt sich ganz unvermerkt das
Spiel der Empfindungen und Gefühle in seine Zeichensprache und
verleiht eben dadurch derselben den wahren Ausdruck der Gedanken.
Ohne im Mindestens um die Zeichen verlegen zu sein, drückt er
seinen Schmerz, seine Freude, seinen Zweifel, sein Befremden,
seine Bewunderung u.s.w. auf eine natürliche Weise aus, daß der
ganze Act der Handlung nicht leicht einem Mißverständnisse
unterliege. Dabei ist die Geberde so biegsam, daß ein Jeder sie
seiner Individualität, seiner eigenthümlichen Anschauungs- und
Denkweise anpassen kann, ohne daß selbst die verschiedenartigsten
Ausdrücke für eine und die nemliche Sache unverständlich werden
können. ["Über Taubstumme ...", 1853, S.184]

Übrigens ist die Geberde eine selbstständige, in und für sich
begrenzte Sprache, deren reeller Werth nicht nach dem Maßstabe
der Wortsprache beurtheilt werden kann. Das Streben, sie der
Wortsprache so viel wie möglich zu näheren, oder ihr wenigstens
eine derselben analoge, und gewissermaßen dieselbe
stellvertretende Form angedeihen zu lassen, verriethe eine
gänzliche Unkunde ihrer Natur und ihres Wesens, wäre ein
Todtschlag an der Muttersprache des Taubstummen und an seinem
geistigen Leben. Man sollte im Gegentheil meinen, daß sie im
Grade vollkommen wird, als sie von den Einflüssen der Wortsprache
frei gehalten wird, und als man der Natur den völligen, freien
Lauf läßt. Am besten kann sie daher von einer Gesellschaft der
Taubstummen ausgebildet werden, und die höchste Stufe der
Vollkommenheit erreicht sie sicher in denjenigen Instituten, wo
sie noch in hohen Ehren gehalten wird. ["Über Taubstumme ...",
1853, S.184 185]

Die Artikulation ist dem Taubstummen fürs Erste noch eine
unverdauliche Kost, die er nur gezwungen aufnimmt. ["Lehrbuch
...", S.15]

Die Geberdensprache ist die lebensvollste Darstellung, malet
selbst die Empfindungen und Gefühle der Seele aufs Treffendste
und kann daher hinreißend werden; sie ist voll Natur und
Wahrheit, ist die unmittelbarste Anschauung und kann den Lehrer
am besten unterstützen. ["Lehrbuch ...", S.15].

Hat man es wohl bedacht, was es heißt, die Geberdensprache vom
Unterrichte und vom geistigen Leben des Taubstummen selbst
ausschließen? Das hieße doch nicht anders, als ihm den Fittig des
Geistes abschneiden, hieße das geistige Leben in sich selbst
verkümmern lassen. ["Lehrbuch ...", S.16].

Die Geberde ist das Urelement des geistigen Lebens des
Taubstummen, an sie schließt sich daher nothwendig jedwede
Begriffsentwickelung, und in und mit ihr geht auch das Wort mehr
oder weniger auf. ["Lehrbuch ...", S.15].

Übrigens muß die Zeichensprache als eine selbstständige Sprache
betrachtet werden, welche dazu ihre besonderen Eigenthümlichkeiten
hat, und daher weniger eine wörtliche Übersetzung verträgt, als
die eine Wortsprache die wörtliche Übertragung aus einer anderen
verstattet. ["Lehrbuch ...", S.65].

Darf es eine Erziehung wohl bis zur völligen Verleugnung der
Taubstummennatur, bis zur gänzlichen Ausmerzung des Taubstummen
aus dem Taubstummen kommen lassen? Es geht uns wie der
geschäftigen Martha: wir machen uns viel Sorge und Mühe und
vergessen das Eine, was Noth thut, das gesunde Menschenthum,
dessen wir vor allen Dingen pflegen und warten sollen.
["Vermittlung...", S.26]

Die Geberdensprache ist für Taubstumme eine absolut nothwendige
Brücke, um an das jenseitige abgeschiedene Land der Wortsprache
gelangen zu können, aber man übersehe es auch nicht auch nur
eine Nothbrücke, welche von den Lehrern der Kinder mit Vorsicht
und Behutsamkeit und mit der ganzen Routine eines Fährmannes
überschritten werden muß. ["Vermittlung...", S.30]

Die Geberdensprache ist das wahre Rüstzeug des geistigen Lebens
des Taubstummen. ... Die Geberde ist des Taubstummen geistige
Heimath, die er selten verläßt, ohne dabei zugleich geistig zu
verkümmern. [Ueber Taubstumme,...", S.184, 185]

Die Geberde ist, weil sie des Taubstummen wahres geistiges
Element ist, sein völliges Leben, seine Gesundheit, die
Rührigkeit und Geschäftigkeit seines Geistes, seine
Gemüthlichkeit, und seine gute Laune. Sie ist seine geistige
Heimath, die er selten verläßt, ohne dabei zugleich geistig zu
verkümmern. Bände man ihm die Arme und Hände, so gestikulirt er
schon im Gedanken damit oder gar mit Füßen." ["Über Taubstumme
...", 1853, S.185]

Auch schränkt sich der Werth der Geberdensprache nicht auf den
ersten, oder den Elementarunterricht ein, sondern dehnt sich über
die ganze Schulbildung aus, weil der Unterricht, wenn der Schüler
auch endlich des Wortes einigermaen mächtig geworden ist, doch
lange nicht ihrer Vermittelung entbehren könnte. Auch in manchen
Fällen, abgesehen davon, da nicht alle die erforderliche Stufe
der Sprachbildung können erreichen, ist und bleibt die
Geberdensprache die einzige Nothanker für die Unglücklichen.
["Über Taubstumme ...", 1853, S.185]

Die Schrift, aber nicht die Lautsprache sei der geistige Hebel
des Sprachunterrichts, indem die erstere mehr geeignet sei, das
flüchtige Wort zu fixiren, und es dem Taubstummen mit seinen
mannichfachen Formen, Beziehungen, Verhältnissen, Verbindungen
und Veränderungen näher vor die Augen zu führen; nur fleißiges
Schreiben und Lesen ersetzen ihm den vielfachen Verkehr, durch
welchen das hörendsprechende Kind in das Wesen der Sprache
eingeführt wird. Die Zeichen- und Lautsprache thun zur Sache
weiter nichts, als daß die erstere zur Erklärung der zu
entwickelnden Begriffe zu Hülfe kommen müsse, die letztere aber
den Uebergang des Denkens in Form der Wortsprache erleichtere und
fördere. Die Sprache sei ein Product unmittelbarer Uebung, je
reicheren und mannichfacheren Stoff das Leben für die
schriftliche Uebung bietet, desto besser gehe die Cultur der
Sprache von Statten. Zwar müssen alle Kinder von vornherein
sprechen, so weit es ihre Organe zulassen, damit sie sich die
Wörter, besonders den orthographischen Bau derselben leichter und
fester ins Gedächtniß einprägen können, indeß bedürfe es der
sorgfältigeren und fortgehenden Cultur der Lautsprache nur bei
denjenigen, welche der Sprache einigermaßen mächtig geworden
sind; bei den der Sprache weniger fähigen Subjecten seien Hopfen
und Malz verloren.

Ein großes Vortheil für die Sache der Taubstummenbildung [ist]
das Zusammenwirken eines hörenden und tauben Lehrers. Wenn der
hörende Lehrer Gefahr läuft, beim Unterricht der Taubstummen
einseitig die allgemeinen Bedürfnisse zu vertreten, so hält
dagegen der taube Lehrer die Grundbedingnise der Taubstummennatur
aufrecht und durch Ausgleich und Austausch der Ideen kann der
Sache ein erprießlicher Dienst geleistet werden. [Autob., S.103]

Ich muß gestehen, daß ich mit einer sehr geringen Erwartung nach
Paris gekommen war, aber überrascht wurde durch das, was ich mit
eigenen Augen sah. Die Pariser Taubstummen Anstalt steht gewiß
den vorzüglichsten der Art in Deutschland nicht nach. Was aber
hier vor allen Dingen hervorgehoben zu werden verdient, ist mit
welcher großen Gewandtheit, Fertigkeit, Behendigkeit und
Schnelligkeit die Zöglinge der Pariser Taubstummen Anstalt die
ihnen aufgegebenen Gedanken auf's Tapet zu bringen verstehen, wie
ich es in keiner andern von mir besuchten Anstalt gesehen habe.
[Autob., S.138]


Hartmut



Zuletzt geändert von Hartmut am 01.05.2005, 17:20:02, insgesamt 4-mal geändert.

Spitzenmitglied



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Aloha Hartmut,

da kann ich nur sagen: DANKE! [super] [boo] [dankem]


--
Wir sind die Mundfaulen. Na und? :D



Spitzenmitglied



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Hören ist Sehen um die Ecke. --- Jean Massieu

Dankbarkeit ist Gedächtnis des Herzens. ---Jean Massieu (und jetzt ein franzoesisches Sprichwort)

Ewigkeit ist eine Linie ohne Anfang und Ende. ---Jean Massieu


Hartmut



Zuletzt geändert von Hartmut am 01.05.2005, 16:45:09, insgesamt 1-mal geändert.

Spitzenmitglied



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Hier sind etliche Sprüche (Verfasser möchte ich euch nicht verraten):

- Taubheit ist eine Facette der Menschheit.

- Ich bin taub, aber nicht meine Ohren.

- Ich bin taub, also bin ich!

- Warum denn nach der Endlösung der Taubstummenfrage streben?

- Taub zu sein und taub sein zu dürfen, das ist die Frage.

- Trauer und Kummer über Taubsein sind dümmer.

- Taubsein ist kein Trauerfall.

- Normal hörend? Wir sind normal taub!

- Taubsein ist in Ordnung!

- Taubheit ist keine Krankheit,
Vorurteil ist Krankheit der Seele.

- Macht uns nicht krank mit krankhaften Vorstellungen über Taubheit!

- Taubheit als Behinderung zu betrachten ist Behinderung.

- Audismus erschweren unser Taubsein.

- Taubheit ist keine Behinderung,
Vorurteile machen sie erst zur Behinderung!

- Vorurteile vermindern unsere Chancen, nicht Taubheit.

- Taubsein schmälert Lebensqualität nicht,
Vorurteile gegen die Taubheit und das Taubsein tun das.

- Das Hören des Vogelgesangs erhöht keine Lebensqualität.

- Was ist mit Ihrem Fetischismus des Hörens?

- Audismus ist ein Tanz um das Goldene Ohr!

- Aktion "Besseres Hören": Aktion des Lärmhörens!

- Viel Lärm ums "Besseres Hören"!
(in Abwandlung von Shakespeare: "Viel Lärm ums Nichts")

- Ohren hören Gefahren schlecht,
Augen sehen Gefahren besser!
Wieso mehr Sicherheit durchs Hören?

- Wozu Lärme hören? Es lebe die Stille!

- Lärme und Geräusche sind Quatsch,
Warum müssen wir sie dulden?

- Stille ist auch schön.

---------

Um das CI:

- Das Leib tauber Kinder sei heilig, Ohr eingeschlossen!

- CI bringt einem die Lautsprache nicht bei,
Nur perfektes Hören oder viel Lesen.

- Gebärdensprache vermittelt Inhalte, CI Geräusche.

- CI ist nicht lebensnotwendig.

- CI macht uns nicht lebensfroh.

- Das Hören mit dem CI gleicht dem unaufhörlichen Sehen von Blinken der etwa 20 Farblampen

- CI = teures "Schall und Rauch"!

- CI: Cound and Injury, Cignifying Insignificance!
(in Abwandlung von Shakespeare "Sound and Fury, signifying
nothing")

- HNO Ärzte reden Unsinn über Menschsein durchs Hören und Sprechen, über Taubsein und Gebärdensprache.
Ergo: Schuster, bleib bei Deinen Leisten!

- Niemand feiert 1000ste Herzoperation,
warum denn über 1000ste CI bejubeln?
(wie es in Hannover 1998 getan wurde)

-------

- Die Welt ist interessanter mit Gebärdensprache.

- Gebärdensprache erhöht die Lebensqualität aller.

- Gebärdensprache nützt jedermann.
Gebärdensprache schadet niemanden
und macht keinen stumm oder lesedumm.

- Ohne Gebärdensprache bedeutet Isolation.

- Alle tauben Kinder brauchen Gebärdensprache.

--------

Orale Kommunikation bedeutet mühsames Sprechen und immerwährendes Gedankenlesen.

Lippenlesen erfordert Gedankenlesen.

Orale Kommunikation bedeutet Einbahn-Kommunikation, von tauben zu hörenden Menschen

Orale Kommunikation bringt stets Missverständnisse und grössere Isolation für taube Menschen.

---------

Hört, hört!
[so steht auf einem Plakat einer hörgerichteten Beratungstelle. Dazu entgegnen wir:]

Hört, hört!
Erdulde viel Lärm!
Lieber Inhalte statt Geräusche!
Lieber Kommunikation!

Bestes Hören - immer und überall!
(so steht auf einem Plakat von VOX Schutzverband der
Schwerhörigen und VIENNATONE (Wien), Dec 1998.
Dazu entgegnen wir:

Vollkommenste Kommunikation - immer und überall!


Hartmut



Spitzenmitglied



offline
Hier einige Zitaten zur Sprachpolitik in der Erziehung tauber und schwerhöriger Kinder:

- Taube und schwerhörige Kinder brauchen keine Heilpädagogik, sondern eine vollkommene Mutter(Erst)sprache.

- Spätes Erlernen einer Sprache führt zur Halbsprachigkeit, auch in der Gebärdensprache.

- Hinauszögern der Gebärdensprache in der Sprachanbahnung birgt Gefahr der doppelten Halbsprachigkeit in Laut- und Gebärdensprache. Sicherer geht es mit Gebärdensprache und dann Lautsprache als umgekehrt.

- Probiere nicht zuerst Zweifelhaftes, sondern das Sichere und dann das Zweifelhafte!

- Oralismus und hörgerichtete Sprachanbahnung beruht auf dem Grundsatz "Zuerst dies, and wenn es nicht klappt, dann das", was gefährlich ist.

- Es gibt kein "wenn es nicht klappt" mit der Gebärdensprache. Die Lautsprache kann als Zweitsprache ebenso gut wie bisher unter monolingualen Verfahren oder sogar besser erlernt werden.

- Gebärdensprache garantiert jedem tauben und schwerhörigen Kind eine Muttersprache. Monolinguale Lautsprachunterricht kann keine solche Garantie liefern.

- Für taube Kinder, bessere Lautsprachkompetenz nach dem Erwerb der Gebärdensprache und Erlangen metasprachlicher Fähigkeiten.

- Ungerecht, tauben Kindern die Gebärdensprache aus Furcht vorzuenthalten und sie muttersprachlos zu machen.

- Gebärdensprache muss früh erworben werden.

- Ein taubes Kind kann die Lautsprache meistens nicht als Muttersprache erwerben, auch nicht durch das Restgehör.

- Mehr Wissen und besseres Deutsch durch Gebärdensprache.

- Schriftliches Können der Lautsprache ist sicherer, erfolgsversprechender und nützlicher als beste Sprechfähigkeit.

- Erfolgsfälle von ausgezeichnetem Erlernen der Lautsprache von wenigen tauben und schwerhörigen Kindern beweisen die Richtigkeit einer Methode nicht. Das Vorzeigen solcher Fälle ist kriminelle Irreführung.

- Beweise aus Skandinavien und von tauben Kindern tauber Eltern zeigen viel bessere Lautsprachkompetenz bei meisten tauben Kindern, wenn diese die Gebärdensprache zuerst und dann die Lautsprache als Zweitsprache erlernen, als bisher Lautsprache als Erstsprache durch verschiedene Unterrichtsmethoden.

- Die Lautsprache wird nur von wenigen tauben und schwerhörigen Kindern vollkommen wie Muttersprache erworben, auch durch die ausschliessliche hörgerichtete Sprachanbahnung von frühem Kindesalter an.

- Taube Kinder sind nicht nur Kinder ihrer Eltern, sondern auch Kinder der Gebärdensprachgemeinschaft, d.h. unsere soziologische Kinder.

- Es geht nicht nur um den Spracherwerb, sondern auch um Enkulturation in zwei Kulturen.

- Gebärdensprache ist ebenso notwendig wie Lautsprache. Anders zu denken ist Sprachimperialismus!


Hartmut



Zuletzt geändert von Hartmut am 13.05.2005, 16:54:56, insgesamt 3-mal geändert.

Spitzenmitglied
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@Hartmut,
Wieso sollte die "falsche" ÜBersetzung NICHT von
mir höchstpersönlich stammen?

Wenn man das Buch von Helen Keller gelesen hat,
kann man als hd sowieso vorstellen, daß sie gerne
mehr "Wissen" erwerben wollte,
deshalb auch diesen Zitat in die Welt gesetzt hat.


****~cat



Spitzenmitglied



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Hartmut hat geschrieben:

- Taube Kinder sind nicht nur Kinder ihrer Eltern, sondern auch Kinder der Gebärdensprachgemeinschaft, d.h. unsere soziologische Kinder.



IMHO (nach meiner bescheidenen Meinung) verstößt diese Verfügung über taube Kinder gegen Artikel 2 des Grundgesetzes.

http://www.gesetze-im-internet.de/bunde ... index.html

Dort steht:


(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.


Taube Kinder müssen nicht in der GL-Community aufwachsen, sie können es, freiwillig.

Wer aber sagt "unsere soziologische Kinder", übt Zwang aus wie in einer Sekte. Dort müssen alle dem Oberhaupt gehorchen.

Nichts für mich, ich liebe die Freiheit, die mir das Grundgesetz gibt.


Pyros



Spitzenmitglied



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Aloha Leutz,

noch ein Zitat, der mir gut gefällt:

Wozu wir Ohren haben? "Na, zum Hören", werden viele antworten. Wir
Gehörlose sagen hingegen: Wir wissen es selbst nicht so genau. Vielleicht
zur "Dekoration", weil wir ohne Ohren ziemlich blöd aussehen würden. [lol]


--
Wir sind die Mundfaulen. Na und? :D



Spitzenmitglied
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offline
Auch das kann man anders sagen, wenn man will -vor allem die weiblichen Gehörlosen ;)

ich selbst gab vor Jahren die antwort, daß es zur dekoration sei, der meine insgesamt 5 ohrlöchern als Körperverstummelung ansah (naja hab sonst keine Piercings), aber gerade mit ohren kann ich eh nix anfangen. [wink]


****~cat



Spitzenmitglied



offline
@Pyros,
dir steht die Freiheit zu, das Zitat anders als beabsichtigt zu interpretieren.

Der Text ist nicht als "Verfuegung" formuliert, sondern einfach eine soziologische Feststellung einer Tatsache. Er ist historisch bedingt, gerichtet gegen die Einschraenkung gerade des Rechtes, das du zitiert hast. Taube Kinder erfahren zu oft von hoerenden Eltern den Zwang, nicht taub sein zu duerfen und sich frei ihre Persoenlichkeit als taube Individuen zu entfalten. Das Zitat hilft Eltern zu erinnern, dass es um mehr geht in der Erziehung tauber Kinder als die Erziehung in ihre eigene Gemeinschaft und Kultur.

Ich kenne unzaehlige Biographien von tauben Personen, die oral und monokulturell aufgewachsen sind, und dann spaet die Taubseinsgemeinschaft entdeckt haben. Diese Entdeckung geht selten ohne Schmerz und Zorn gegen die frueheren Erzieher einher. Das Beispiel von Paddy Ladd genuegt, diese Tatsache symptomatisch (als Beispiel) zu illustrieren. Seine Erfahrung ist nicht einzigartig.


Hartmut



Zuletzt geändert von Hartmut am 12.05.2005, 18:30:34, insgesamt 1-mal geändert.

Spitzenmitglied



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"Nicht das Ohr, sondern was zwischen den zwei Ohren ist, ist wichtig."
von Frederick Schreiber, verstorbenen Geschaeftsfuehrer des Nationalen Association of the Deaf von USA (frei uebersetzt aus dem Englischen)

"Hoere nicht auf "Du kannst nicht", sondern denke "Ich kann!"
von Frank Turk (USA) an taube Jugendliche, (frei uebersetzt aus ASL)


Hartmut



Spitzenmitglied
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Hartmut hat geschrieben:
Ich kenne unzaehlige Biographien von tauben Personen, die oral und monokulturell aufgewachsen sind, und dann spaet die Taubseinsgemeinschaft entdeckt haben. Diese Entdeckung geht selten ohne Schmerz und Zorn gegen die frueheren Erzieher einher.



Nur Zorn gegen Eltern? [sconf] Schön wär`s .... [roll]

Es sind noch andere die Steine in den Weg legen. Die Eltern kriegen einfach
zu wenig Informationen, es ist totaler Quatsch in die Schuhe zu schieben!

Wenn die Ärzte und Pädagogen es lesen, dann sagen die es genau:
Eltern haben es zu verantworten ....

Durch Pädagogen und Ärzte bin ich anfangs stark oral aufgewachsen,
erst als ich in GL-Schule kam, gab es eine (wenigstens! eine) vernünftige
Lehrerin, die sagte, etwas GS zur Unterstützung (also LBG) kann
die Verständigung erleichtern. Das versuchte und tat die Mama dann auch.
Es wird den Kindern oft das Leben unbewusst und unwissend schwer gemacht.

________________

Nachtrag:
Wenn das nicht wäre, wäre auch kein Zorn da, nicht gegen Ärzte, nicht
gegen Eltern, nicht gegen Pädagogen, wir wären nicht diskrimiert,

hätten die GL da auch starke GL-Kultur und GL-Community, und da wäre,
wie es heute ist? [hm]


****~cat



Spitzenmitglied



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Aloha Pyros,
Zitat:
- Taube Kinder sind nicht nur Kinder ihrer Eltern, sondern auch Kinder der
Gebärdensprachgemeinschaft, d.h. unsere soziologische Kinder.

ich muß Hartmut da recht geben. Man kann es auch anders ausdrücken:

Gehörlose übernehmen die Kultur der Gehörlosen, d.h. Gebärdensprache,
-poesie, -kunst, usw. meist NICHT von der Familie, sondern von der Schule.
Sie sind immer bikulturell: Gehörlosenkultur, Landeskultur, usw.

Hörende Eltern können das den gehörlosen Kindern nicht vermitteln, sondern
deren erwachsene gehörlose Vorbilder, die diese Eigenschaften verinnerlicht haben.

Aber um Mißverständnisse wie oben zu vermeiden, würde ich statt "unsere
soziologische Kinder" eher "bilinguale und bikulturelle Kinder" schreiben...


--
Wir sind die Mundfaulen. Na und? :D



Spitzenmitglied



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Ich glaube an Gott , bin aber bestimmt nicht übertrieben fromm im Sinne von Kirchenbesuchen.

Aber genau deshalb stehe ich zum 5. Gebot:

"Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird." (2. Mose 20,12)

Soll ich auf meine Eltern zornig sein, nur weil sie nach meiner Ertaubung nicht recht wussten, wie es in meinem neuen, tonlosen Leben weiter gehen sollte? Sie wurden falsch und unvollständig beraten, von Ärzten und Schulämtern.
Limette denkt Ähnliches.

Sollen GL-Kinder auf ihre hörenden Eltern zornig sein, nur weil sie nicht über die Kommunikations-Möglichkeiten der Gebärdensprache bescheid wussten?

Ist die Zugehörigkeit zur Taubseinskultur wichtiger als das Verhältnis zu den Eltern?

Wer das bejaht, stellt sich gegen das 5. Gebot und erhebt die Taubseinskultur zur Sekte.

Wird die Taubseinskultur dann zur Ersatzfamilie?

Ist die Einbindung in die Taubseinskultur wichtiger als das seelische Band zu Vater und Mutter?

@Lukbo,
in deinem Schreiben ist ein Widerspruch:
Zitat:
Gehörlose übernehmen die Kultur der Gehörlosen, d.h. Gebärdensprache,
-poesie, -kunst, usw. meist NICHT von der Familie, sondern von der Schule.


Genauer gesagt, auf dem Schulhof. Ist DGS offizielles Unterrichtsfach geworden?

Zitat:
Hörende Eltern können das den gehörlosen Kindern nicht vermitteln, sondern
deren erwachsene gehörlose Vorbilder, die diese Eigenschaften verinnerlicht haben.

Diese Aussage mag für sich allein stehend stimmen, in der Schule werden die wenigsten Kinder aber erwachsene gehörlose Vorbilder haben. Auf dem Schulhof schon gar nicht.

Selbst DGS-kundige LehrerInnen vermitteln hauptsächlich Lehrstoff und nicht die von dir skizzierte Kultur der Gehörlosen.


Pyros



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Aloha Pyros & Limette,

STOOOOOOPP!!!!! Bevor ihr diesen Thread mit all dem Unsinn wie z.B.
Gott, Religion und Sekte usw. verunstaltet! [nerv]

Hartmut hatte geschrieben:
    Diese Entdeckung geht selten ohne Schmerz und Zorn gegen die frueheren Erzieher einher.

Damit sind eigentlich jene Personen im Bereich der Frühförderung, also
Erzieher vom Kindergarten, Schule... aber ich würde es Hartmut nicht
unterstellen, damit Eltern gemeint zu haben.

Ich muß allerdings auch offen schreiben, ich selbst habe auch vor einigen
Jahren mein Zorn gegenüber Eltern oft ausgelassen, weil ich in einer
unzufriedenen Situation mit sich selbst war und nicht genau wußte, wie mit
mir weitergehen sollte. Grund: mangelhafte Kommunikation! Erst später kam
ich mit der Gehörlosenwelt in Berührung, und einige Jahre später wurde
ich immer ruhiger und seitdem habe ich kaum mehr Probleme mit meinen
Eltern. Ich habe keine Zorn- oder Nervenausbrüche wie früher mehr, wenn
ich mit meinen Eltern aus geringstem Anlaß und Alltägliches kommuniziere.
Das verbesserte Verhältnis mit meinen Eltern verdanke ich ausschließlich
dem Kontakt mit der Gebärdensprachgemeinschaft. Ich kommuniziere mit
den Gehörlosen in Gebärdensprache und mit meinen Eltern in Lautsprache.
Ohne Gebärdensprachgemeinschaft von außen hätte ich keinen inneren
Halt in der Familie mehr gefunden. Beide Hände waschen die andere.

------

[Nachtrag]

Das gehörlose Kind hat nur dann eine Chance für eine normale
Entwicklung, wenn es von seinen Eltern mit seiner Gehörlosigkeit
akzeptiert wird und ein ständiger Identifikationsversuch mit hörenden
und schwerhörigen Kindern wegfällt und zur Kommunikation in der
Gesellschaft angeregt wird bzw. die Eltern dem Kind helfen, sich selber
zu akzeptieren und Kindern anhand von Beispielen (Gehörlose Pädagogen,
Studenten, Schriftsteller, Psychologen, die Liste läßt sich fortsetzen)
bewußt gemacht wird, daß auch Gehörlose höhere Bildungen absolvieren
können.

Damit ist natürlich nicht gemeint, daß die Eltern das Kind alleine lassen
oder fallen lassen sollen, was in der Regel auf den verletzten Stolz, kein
gesundes Kind zu haben, zurückzuführen ist, sondern daß das gehörlose
Kind sein eigenes "ICH" selber für sich entwickeln muß. Je eher die
gehörlose Person unabhängig von der Hilfe der Eltern wird, desto schneller
erreicht sie die soziale Reife. Wie viele sicherlich wissen, ist zumeist die
Mutter die Bezugsperson für das gehörlose Kind, doch im Laufe der Zeit
und mit dem zunehmenden Alter wird dem gehörlosen Jugendlichen
bewußt, daß er sich von den Eltern abwenden und ein selbständiges Leben
führen muß. 70 % der Gehörlosen gehen, nachdem sie von ihren Eltern
weggegangen sind, zu diversen Gehörlosenorganisationen, wo sie
Gleichgesinnte treffen und mit ihnen Meinungen, Erfahrungen und Ideen
austauschen können.
Quelle: "Gehörlos - Bildlos", Ch. Stalzer


--
Wir sind die Mundfaulen. Na und? :D



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Hartmut hat geschrieben:
Das Zitat hilft Eltern zu erinnern, dass es um mehr geht in der Erziehung tauber Kinder als die Erziehung in ihre eigene Gemeinschaft und Kultur.


Tja, Lukbo, was heißt hier verunstalten?
Von Religion und Sekte und Gott schrieb ich kein Sterbenswörtchen....

Hartmut hat leider irgendwie indirekt schon zu verstehen gegeben,
daß Eltern dran auch mitverantwortlich sind.

ich glaub, ich diskutier hier besser nicht weiter mit ....

BTW:
Ein Teil deiner Geschichte kenn ich jedenfalls von mir selbst, nur eben anders.
Meine Gehörlosigkeit wurde immer akzeptiert, und zwar von allen Seiten,
aber man hat es mir wohl viel zu leicht gemacht - später hatte ich wie
es kommen musste, schwierigkeit im Berufsleben. So ist es auch nicht besser. [roll]

Limette


****~cat



Zuletzt geändert von snowcat am 18.05.2005, 10:58:06, insgesamt 1-mal geändert.

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Aloha Limette,

ich würde auch nicht verallgemeinern, dass Eltern daran mitverantwortlich
sind. Manche Eltern können nichts dafür, weil sie nur einseitige Informationen
erhalten haben, manche Eltern wiederum können es nicht einsehen, dass die
Gebärdensprachgemeinschaft ihrem Kind mehr sozialen Halt gibt. Die
Akzeptanz zueinander dauert oft Jahre, wie ich an mir slebst erlebt habe.
Da ist es kein Wunder, dass vorher Emotionen mit im Spiel sind. Das ist bei
jeder Familiengeschichte individuell!


--
Wir sind die Mundfaulen. Na und? :D



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Nicht falsch verstehn, :D Bei mir liegen die Probleme schon woanders. :)
Mit Eltern und mit dem Rest der Familie komme ich ganz prima klar.

Man redet schon zu viel sch.... in Schule einem gl rein. (davon hast du
sicher als an hd Schule - gänger keine Vorstellung ...)

Ein Beispiel von dort nur,
Wenn man nur ein bisschen "gut" sprechen kann, kommt man locker
durch, und so ein Zeug. Ich musste später feststellen, daß alles nur Mist war,
und bei mir jedensfalls einen großen Teil nicht stimmte. [nerv]
Ich weiß aber jetzt nicht, wie es den anderen gl-Schulabgänger ergangen sind.

ich persönlich hätte es in diesen Dingen lieber anders gehabt.
Tja, GL-Schule = Schonzeit pur.


****~cat



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Aloha Limette,

ich komme jetzt auch mit meinen Eltern ganz prima klar, allerdings erst viel
später, nachdem ich nach Jahren endlich mein "ICH" gefunden habe.

Bei dir kann ich mir wegen der GL-Schule gut vorstellen, war ich ja doch in
einem Kindergarten für gehörlose Kinder, dann Grundschule für schwerhörige
Kinder, dann zwei Jahre als einziger Gehörlose in einer reinen hörenden
Schule (wie ein Sandkorn am Meer) und dann schlußendlich in einer Schule
bis zur Abitur mit gehörlosen, schwerhörigen und behinderten Schülern. Tja,
ich habe mit verschiedenen Schulformen und Schwierigkeitsstufen von klein
auf Erfahrung gemacht. ;)


--
Wir sind die Mundfaulen. Na und? :D



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achso... die schulsystem (soll heißen, war erst auf Sh-Kiga, dann gl-Schule,
schließlich die Berufsausbildung bei mir war`s mit gl, sh und anderen behinderten)
tja, in eine etwas andere Reihenfolge hatte ich es auch schon durchmachen müssen. ;)
Soviel unterschiede voneinander konnte ich aber nicht feststellen, die machen
den gl zuviel vor (is halt nur mein Eindruck). Womöglich war`s bei dir anders. :)
hd - und lehrer, nur da muss ich passen, [razz] denn Weiterbildung zählt da nix. :)


****~cat



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Hi Lukbo,

Lukbo hat geschrieben:
STOOOOOOPP!!!!! Bevor ihr diesen Thread mit all dem Unsinn wie z.B.
Gott, Religion und Sekte usw. verunstaltet!


Wenn du Gott, Religion , Sekte und Unsinn in einem Satz bzw. Atemzug nennst, ist das für mich ziemlich irritierend.

Sekten gleich welcher Art, halte ich auch für Unsinn.

Kein Unsinn ist jedoch für mich der Glaube an Gott, wie er in den großen Weltreligionen praktiziert wird.

Und wenn irgend eine Gemeinschaft glaubt, sie muss/will/kann über Kinder verfügen,
dann ist das in meinen Augen eine Sektenmeinung.

Zitat:
Ich muß allerdings auch offen schreiben, ich selbst habe auch vor einigen
Jahren mein Zorn gegenüber Eltern oft ausgelassen, weil ich in einer
unzufriedenen Situation mit sich selbst war und nicht genau wußte, wie mit
mir weitergehen sollte. Grund: mangelhafte Kommunikation!


Damit stehst du nicht allein da! Ich habe diese Phase auch durchgemacht.
Mehr oder weniger geht es allen Jugendlichen so. Mitte 20 ist man dann reifer und sieht viele Dinge gelassener, die einen mit 16 explodieren ließen..

Zitat:
Das verbesserte Verhältnis mit meinen Eltern verdanke ich ausschließlich
dem Kontakt mit der Gebärdensprachgemeinschaft.


„ausschließlich“ ?? hmm…, nach meinen Erfahrungen muss es einfach jemand sein, mit dem man hemmungslos über alles quatschen kann.


In dieser Zeit braucht man die Clique der Gleichaltrigen, um Gedanken über Frust und Lust austauschen zu können. Das ist bei fast allen Teens (gl-sh-hd) ähnlich. Als Vater eines Teenagers weiß ich, wovon ich schreibe .[roll]
Gl-Teens machen dabei keine Ausnahme.

Was du als „Nachtrag“ eingesetzt hast, trifft nicht nur auf GL-Kinder zu. Es ist ziemlich allgemeingültig für alle Kinder.

Jedes Kind, das aber irgendwie anderes ist (seelisch oder körperlich), wird im Kreis der Gleichaltrigen schnell zum Außenseiter gestempelt. Das ist meist sehr belastend für das Kind.
Umso mehr Zuneigung und Verständnis braucht es von den Eltern. Diese besondere Fürsorge der Eltern darf dann aber nicht dazu führen, dass sich aus dem Kind ein unselbständiger Erwachsener entwickelt.

So gl-spezifisch sind diese Aussagen gar nicht. Auch Einwanderer, Asylsuchenden und andere sprachliche Minderheiten bilden oft einen Mikrokosmos, wie das öfter soziologisch-wissenschaftlich bezeichnet wird.


Pyros



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@Limette,
der Satz über den "Zorn und Schmerz gegen die früheren Erzieher" (der Satz sagt nicht, gegen "alle Erzieher" oder "immer") hat dir eine besondere Saite getroffen. Ein Zitat kommt bei jeder Person verschieden an.

Es handelt sich auch um Identitätsfindung, die manchmal langdauernd ist.

Du bist ja richtig, dass der Satz auch an Eltern gerichtet ist. Das heisst jedoch nicht, dass alle Eltern für das Misere der Bildung tauber Kinder mitverantwortlich sind. Wie gesagt, sind viele unwissend. Da können sie nicht daran mitschuldig sein. Sie äusserten auch Zorn und Schmerz (Reue) gegenüber Schule und Doktoren, die ihnen falsch gesagt hatten, als ihre Kinder schon erwachsen sind. Dieser Satz könne auch mit einem Hinweis auf "zornige" Eltern vervollständigt werden, nicht nur taube Menschen. Aber es gibt auch viele, die gewusst haben und dennoch gegen die bilinguale und bikulturelle Erziehung ihrer tauben Kinder sind und proselytisch (= glühend eifrig) andere Eltern gegen diese Erziehung zu bekehren versuchen. Ich kann Namen nennen.

Dieser Satz bezieht sich ja auf den Spruch über die Notwendigkeit einer bikulturellen Erziehung tauber Kinder, den Pyros beanstandet hat. Eltern haben es nötig, den Spruch zu vernehmen, um verantwortlich für die Erziehung ihrer tauben und schwerhörigen Kinder zu handeln. Dieser Spruch wurde auch wegen der Reue, die Eltern geäussert haben, geformt.


Hartmut



Zuletzt geändert von Hartmut am 02.06.2005, 06:56:24, insgesamt 1-mal geändert.

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@Pyros,
deine verschrobenen Interpretationen ehren dich!

Jetzt machst Du daraus mit deinem "5.Gebot" und deiner "Taubseinssekte" einen Appell an Aufruhr gegen Eltern! Du verharmlost ferner den "Zorn und Schmerz gegen die früheren Erzieher" als Teenager Problem. Usw. Du konntest lediglich über die Notwendigkeit/Berechtigung bzw. Nichtnotwendigkeit für eine bikulturelle Erziehung tauber Kinder, wie im Zitat ausgedrückt, kommentieren. Aber was du darüber geschrieben hast, sind daneben getroffen.

Zu deinen Zeilen oben möchte ich bemerken:

1. Das Verhältnis zu den Eltern und die Zugehörigkeit zur Taubseinskultur stehen nicht antagonistisch (= feindlich, gegensätzlich) gegenüber. Beide können sich ergänzen. Nur muss man den Modus finden, wie das bewerkstelligt werden kann. Die elterliche und gesellschaftliche Akzeptanz von der kulturellen Konsequenz der Taubheit, also der Existenz von zwei Kulturen, macht viel aus. Das seelische Band zu Vater und Mutter hängt unter vielen anderen auch davon ab.

2. Es ist kein entweder Familie oder Taubseinskultur. Eltern haben zwar Entscheidungsmacht, aber sie müssen trotzdem andere Faktoren für ihre Entscheidungen berücksichtigen. Familie ist nicht nur der Ort der Erziehung und Einbindung in eine Kultur, sondern auch ausserhalb der Familie. Für taube Kinder gibt es neben der Landeskultur der Hörenden auch die Taubseinskultur, die bisher von der Familie und der Gesellschaft nicht beachtet wurde. Also kein Entweder und Oder, auch nicht Familie versus Ersatzfamilie!

3. Deine Entgegnung an Lukbo, dass in Schulen für taube Kinder die Taubseinskultur nicht vermittelt wurde, stimmt. Es wird dort zumeistens noch monokulturell verfahren, worauf Lukbo beklagt hat.

4. Den besagten Schmerz oder Zorn aüssert sich nicht immer bei Teenagers, sondern auch Kindern und Erwachsenen. Eltern hegen dies auch gegenüber denen, die ihnen nicht oder falsch informiert haben. Sie müssen den Schmerz zusätzlich neben anderen verarbeiten.

5. Du hast Recht, Aussprache mit "Ihresgleichen" (muss nicht gleichaltrig sein) hilft den Konflikt besser zu verarbeiten. Warum müssen taube Kinder das tun? Weil ihnen gerade die taubspezifische bikulturelle Erziehung fehlt. Auch Eltern benötigen eine solche Aussprache mit Gleichbetroffenen. Im Klima des Monolingualismus und Monokulturalismus können sie diese Aussprache schwer zufriedenstellend bewerkstelligen. Eine Familienberatung mit einem Psychologen, der sich im Metier auskennt, wird manchmal empfohlen.

Die soziologische Aussage, "Taube Kinder sind nicht nur Kinder ihrer Eltern, sondern auch Kinder der Gebärdensprachgemeinschaft, d.h. unsere soziologische Kinder", ist ja aus unzähligen Gesprächen geboren. Sie dient also der sozialpolitischen Reform in der Schulbildung und Elternberatung, um damit die Kluft zwischen tauben Kindern und hörenden Eltern zu überbrücken.


Hartmut



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Tja, Hartmut,
tust du nicht nur so, daß nur GL depression, identitätsfindung etc benötigen?
Hast du jemals an die hd gedacht, die von ihrem Eltern nicht akzeptiert werden?
Davon kenne ich einige ... es ging soweit, daß es zur Enterbung ging.
Sicher geb ich dir recht, und auch lukbo, GL haben bestimmt Probleme sich
gegen hd Eltern durchzusetzen - und ich geb aber auch jetzt pyros recht -
bis was auf Zitat aus bibel, Gott, Sekte und Religion betrifft, da halt ich
mich nach wie vor raus. [roll]

Wie auch immer, find den Zitat z.T. doof. :(



Zuletzt geändert von snowcat am 10.12.2006, 23:42:29, insgesamt 1-mal geändert.

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@Limette,
alle Achtung zu was du durchgemacht hast und deine Probleme gemeistert hast!

Dass Hoerende auch psychische Probleme haben versteht von sich selbst und braucht hier nicht extra erwaehnt zu werden. Ihre Probleme sind anders und es wird darueber viel medizinisch und psychatrisch besprochen und behandelt.

Ich schrieb gar nicht, dass nur taube Personen Probleme haben. Ich erwaehne nur, dass ein Problem, wie oben beschrieben, existiert, aufgrund des Monokulturalismus, das ist mangelnder Akzeptanz von Taubheit und der daraus resultierenden Sprache und Kultur in Familien und Schulen.


Hartmut



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Hier weitere Sprüche und zwar von Personen, die mal berühmt werden:

Biste (s)taub(ig) oder dumm?
(als Antwort zu "taubstumm" von der Presse?)
--- Stefan Pelta

Wenn taube Frauen liebevoll gebärden, können sie liebevolle, taube Babies gebären.
--- Stefan Pelta

Es ist geil, taub zu sein.
--- Autor unbekannt


Hartmut



Zuletzt geändert von Hartmut am 02.06.2005, 06:50:01, insgesamt 1-mal geändert.

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@Hartmut,
Nun, zurück zum Topic:
Das Leben ist entweder ein aufregendes Abenteuer oder gar nichts. Helen
Keller (1880-1968)



Zuletzt geändert von snowcat am 10.12.2006, 23:43:17, insgesamt 1-mal geändert.

Neuling



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"Dass den Gehörlosen etwas fehlt ist nicht richtig! Durch die Gebärdensprache sind wir den Hörenden gleichgestellt!"

Liisa Kauppinen (WDF-Präsidentin, gl, 2003)



Spitzenmitglied



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Hartmut hat geschrieben:
Hier weitere Sprüche und zwar von Personen, die mal berühmt werden:


Wenn taube Frauen liebevoll gebärden, können sie liebevoll taube Babies gebären.
--- Stefan Pelta


Das sagt doch ziemlich deutlich, dass bei den Taubseins-Fundamentalisten hörende Babies unerwünscht sind.

Wenn Gl-Frauen aber trotz liebvoller Gebärdung hörende Kinder gebären, was hat dann nicht geklappt??


Pyros



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himmel,
zwar bin ich froh, daß man hier zu "anderen" Thema übergangen ist,
daß GL mit hd welt, Eltern, Sprache Probleme hätten, und was für
Auswirkungen es gibt - von betroffenen liest man das selten. Denn
speziell ich bin nicht so stark davon betroffen gewesen. Es kann daher
auch gut sein, daß ich in einigen Dingen falsch denke. (speziell dann
damit: daß gl nicht so "andere" Probleme hätten. )

Aber jetzt find ich nach allem, man sollte schon überlegen, ob man
diesen Thread nicht wieder zurecht stutzt, so daß es wieder zum
eigentlichen Thema zurückkehrt...

wer es will kann ja mal extra ein Thread zum piesacken aufstellen, ...
Is nur so meine Meinung, tschuldige, und mich wegduck ...

tschö, Lim


****~cat



Spitzenmitglied



offline
@Pyros,
deine Reaktion zum Zitat ist erwartet und vollkommen verstaendlich. Du interpretierst es von der Warte eines Hoerenden.

Wichtig ist dass das Modalverb "koennen" im Spruch enthalten ist und kann nicht weggedacht werden. Der Spruch ist witzig einem Schuettelreim aehnlich gefasst. So soll das auch verstanden werden.

Kenner der Taubseinskultur wissen schon, dass taube Eltern im Gegensatz zu hoerenden Eltern auesserst selten an "Erbkrankheiten", "Erbfehler", "schlechtes Blut", "welches Elternteil den Erbfehler in die Familie hineinbrachte" usw. dachten, wenn sie hoerende Kinder auf die Welt gebracht haben.

Ergo, es wird nicht gefragt, was es nicht geklappt hat. Hoerende Kinder werden einfach akzeptiert!


Hartmut



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Noch ein Zitat aus dem ASL:

Lippenlesen verlangt Gedankenlesen!
---- ASL Sprichwort


Hartmut



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@Hartmut,
das Modalverb kannste auch inner Schublade lassen, ´s reimt sich dann sogar besser...[smile]

Wenn taube Frauen liebevoll gebärden,
sie (auch) liebevoll taube Babies gebären. :D

Anmerkung für Leser, die nicht wissen, was ein Modalverb ist: [crazy]

„Ein Modalverb bestimmt, wie das Subjekt des Satzes zur Aussage des Satzes steht. Es drückt häufig einen Wunsch oder eine Fähigkeit aus. Beispiele für Modalverben sind: wollen, müssen, dürfen, sollen, können.“

Zudem ist das ein wenig tauglicher Reim. Nur ein Mann, der noch nie bei einer Geburt dabei war, kann etwas von „liebevollem Gebären“ faseln.

Ein Brief , der mit einer Klaue handgeschrieben wurde, erfordert auch Gedankenlesen.
Und fürchterliche Handschriften gibt’s schon länger als ASL.
Im Westen nichts Neues also. [punk]


Pyros



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@Pyros,
dir ist das ASL Sprichwort nichts Neues! Eine äusserst schlechte Handschrift erfordert auch Gedankenlesen. Stimmt, nichts Neues, sowohl im Westen als auch überall!

Aber vielen ist es noch unbewusst, dass ein vollkommenes Lippenlesen (oder Mundabsehen) immer sehr viel Gedankenlesen erfordert. Wenn ich Hörenden in meinen ASL Kursen dieses Sprichwort anbiete, sind viele damit erstaunt und von dessen Weisheit angetan worden.

Apropos Spruch mit "liebevolle taube Babies": Das ist wie Stefan Pelta den Spruch gefasst hat. Warum kann das Wort "können" in der Schublade bleiben und dagegen das Wort "auch" dort sein? IMHO darf dort das Modalverb "können" nicht fehlen.


Hartmut



Spitzenmitglied



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@Hartmut,

das „auch“ in Klammer ist ein Abtönungs-oder Modalpartikel, der hier eine gewisse Einschränkung ausdrücken soll.

Das „auch“ muss nicht dastehen, es KANN.

Der geneigte Leser findet über Modalpartikel ,auch Würzwörter oder Färbewörter genannt hier mehr,
http://culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/Lexikon%20der%20Linguistik/mo/MODALPARTIKELN%20%20%20Part%C3%ADculas%20modales.htm

Das „können“ drückt dagegen unterschwellig den Wunsch des Verfassers aus, die Babies sollten taub sein. Ist so eine tendenzielle Bestimmung gerechtfertig?

Bei Reimen kommt es IMHO mehr auf die klangliche Nähe der Wörter am Satzende an, als auf die Satzaussage. Auch Schräges lässt sich reimen, lach…

Was für Hartmut der Audismus,
ist für andere fraglos der Kommunismus!
Die Freiheit bleibt auf der Strecke,
ohne Moral die Zwecke.

Visuelles Parlieren,
man sagt auch gebärden,
du wirst dabei nicht erfrieren,
diese Sprache ist im Werden.


Pyros



Spitzenmitglied



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@Pyros,
recht vielen Dank fuer den Link zu dem Artikel ueber Modalpartikeln, wie auch, doch, denn, ja, nur, recht, wohl usw. Das hilft mir die Anwendung einer besonderen Gruppe von Woertern im Deutschen besser zu verstehen. Ich habe schon frueher gewusst, dass diese Woerter ein besonderes Problem in der Uebersetzung ins Englische (und andere Sprachen) bereitet. Solche Woerter werden oft einfach weggelassen in der Uebersetzung. Diese Woerter druecken Sprechereinstellung ueber das, was im Satz gesagt wird, aus (Staunen, Zweifel, Zustimmung, Missfallen, Entruestung, Betonung, Milderung usw.).

Ich gebrauche diese Woerter nicht oft, und sicherlich nicht immer richtig wie Nicht-Muttersprachler.

Modalverben bereiten auch Probleme der Zweideutigkeit. Sie druecken manchmal auch Sprechereinstellung wie Modalpartikeln aus. Was "koennen", "sollen" und "duerfen" in einem Satz bedeuten, koennen unterschiedlich und subjektiv sein. Das habe ich immer erlebt, wenn ich deutsche Saetze mit Modalverben ins Englische oder umgekehrt uebersetze. So, Pyros, fuer dich bedeutet "koennen taube Babies gebaeren" ein unterschwelliges Verlangen nach tauben Babies, waehrend ich (und sehr wahrscheinlich Stefan Pelta auch) das nicht sehen. Ich sehe dieses Gebaerenkoennen eher auf die Seite von "duerfen" und "Moeglichkeit". Lediglich wird der Wunsch nach taube Babies durch die Schaffung des Spruches zugleich impliziert, was moralisch nicht abwegig ist. Du scheinst diese Auffassung nicht zu teilen.

Der Zusatz von "liebevoll" liefert andere feine Bedeutungsunterscheidungen. Ist es "taube Babies liebevoll zu haben" (und sie besser zu akzeptieren als hoerende Eltern manchmal tun), oder "das Gebaeren selbst sei liebevoll" wie Pyros das liest, oder hat Stefan Pelta wirklich "liebevolle, taube Babies", also auf Babies bezogen, gemeint?

Anerkennung, dass du schnell etwas Schraeges reimen kannst!

Jedoch stimmt es nicht, dass Audismus eine (freiheits)schraenkende Ideologie oder ein Verhaltensregelsystem sei. Es ist gar keine Ideologie oder Geistesrichtung, sondern nur eine zusammenfassende Bezeichnung von Zustaenden, Aussagen, Ansichten, Praktiken usw., die diskriminierend gegen taube Menschen sind. Das Wort ist nur Beschreibung, genauso wie Rassismus, Sexismus, Kolonialismus, Monolingualismus, Nationalismus usw. sind. Als Folge ist mit diesen Ismen ein moralischer Appell verbunden, andersartige Menschen bewusst oder unbewusst nicht zu diskriminieren. Nur die Freiheit zu diskriminieren wird "eingeschraenkt", soweit die Gesellschaft diese Ismen nicht zu dulden gewillt ist. Der Zweck des Nichtduldens von Diskriminierung ist moralisch begruendet, also die Zeile "ohne Moral die Zwecke" stimmt nicht.

Was ist so besonders, dass die GS "im Werden" sei? Alle Sprachen sind im Werden, auch Deutsch. Es gibt ein Buch, das den Verlust von Dativ im Deutschen beschreibt (es wird jetzt weniger Dativ gebraucht und gleicht ein wenig dem Englisch, Hollaendisch oder Daenisch, die keine Beugung in Dativ kennen).

Ferner ist "Audismus" nicht mein eigenes. Andere namhafte Autoren, auch hoerende und spaetertaubte, benutzen das Wort im gleichen Sinn.


Hartmut




 Zitatensammlung aus der Deaf Community





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